Leseprobe aus Im Zimmer wird es still

Ein bisschen, nur noch ein bisschen schlafen. Er hält die Augen fest geschlossen. Er ist so müde, und im Bett ist es warm, und er kuschelt sich in den Traum, den er vorm Aufwachen gehabt hat. Der braungebrannte junge Mann läuft weiter auf ihn zu, seine Füße immer auf dem feuchten Sandstreifen, den ab und zu eine Welle benetzt. Dann ist er da und lacht. Legt sich neben ihn, streckt auch seine Beine den Wellen entgegen.
Er schmiegt sich an den Fremden, berührt seine Brust, spürt die starken Hände auf den Muskeln seines Rückens. Schließt die Augen. Will ewig so liegen, in den Armen des fremden Mannes. Die Sonne lässt den Sand auf ihrer Haut trocknen, die Wellen umspülen ihre Füße. Sonnenlicht sickert durch seine geschlossenen Lider, durch die Vorhänge. Es hilft nichts, es ist schon nach sieben und er muss aufstehen. Er weiß, dass Peter schon seit zwei oder drei Stunden wach liegt wie jeden Morgen. Peter würde nie etwas sagen, aber er weiß es doch. Er rollt sich von der harten Schlafcouch. Das große Schlafzimmer im Obergeschoss meidet er schon länger, schläft lieber unten im Gästezimmer.
Er geht durch den kühlen Flur ins Badezimmer. Dort schaut er aus dem Fenster, die Wiese hinterm Haus glitzert feucht in der morgendlichen Kühle. Gedankenverloren wischt er ein paar Flecken von den Terazzofliesen. Dann merkt er, dass er herumtrödelt und zieht sich aus. Er schaut in den Spiegel. Seit Wochen beobachtet er kritisch seinen Haaransatz, es ist nichts zu machen, er
bekommt Geheimratsecken. Mit einunddreißig. Er streicht seine Haare zurück, dann wieder nach vorn. Es spielt eigentlich keine Rolle, aber es stört ihn. Er setzt sich auf den Wannenrand, streicht über die Härchen auf seinem Oberschenkel. Er ist blass, hat diesen Sommer wenig Sonne abbekommen. Schneewittchen hat Peter einmal zu ihm gesagt. Schwarze Haare, Milchhaut mit Blut durchmischt. Schneewittchen ist lange her. Jetzt ist er einfach nur unattraktiv blass. Er stiert in den Spiegel, an seinem Bild vorbei, in die Ferne. Er trödelt schon wieder! Schnell wäscht er sich, zieht den Schlafanzug wieder an, putzt die Zähne. Er streicht kurz über seine Wange, entscheidet sich gegen eine Rasur und geht eilig zurück.
Ohne seinen Körper noch einmal zu betrachten zieht er sich nachlässig an und geht dann ins Wohnzimmer. Das sperrige Krankenbett nimmt allen Platz im Zimmer ein, wirkt deplatziert in dem niedrigen Raum. Die Räder zerkratzen die neuen Dielen.
Peter lächelt ihn an. Sein Gesicht hat sich nicht verändert, ist immer noch attraktiv. Nur seine kurzen Haare sind nun endgültig grau geworden. Peter sieht jünger aus als fünfzig. Hat auch vor neun Jahren jünger ausgesehen, anziehend und souverän, mit Lachfalten und Augen voller Lebendigkeit und Wärme.
Er geht zum Bett, küsst ihn flüchtig, Peters Hand gleitet über seinen Nacken: »Gut geschlafen?«
»Ja, hab bis eben durchgeschlafen.« Er fragt nicht zurück, denn er weiß, dass Peter nicht gut schläft. Er zieht die Vorhänge auf. Blinzelt, schaut hinaus in die Blätter der alten Linde auf dem Hof. Sie ist vermutlich so alt wie das Haus selbst, hat einen beeindruckenden Stamm. Peter ist letzten Sommer dagegen gewesen, sie zu fällen, obwohl ein Teil des Stammes hohl und morsch ist. Peter hat sie verteidigt, sich mit einem Baumspezialisten beraten, die Linde behandelt und gepäppelt.

 

***

Er geht langsam zurück, lässt die Haustür offen. Sonnenlicht fällt über den Steinfußboden, erhellt den fensterlosen Flur, trägt die Wärme der Luft hinein. Er nimmt Äpfel von der oberen Stiege und geht ins Wohnzimmer. Peter scheint zu schlafen, und er geht leise in die Küche. Er legt die Äpfel auf die Anrichte. Dann wiegt er Mehl und Zucker ab, teilt ein Stück Butter und beginnt, Teig für einen Apfelkuchen anzurühren. Die Küchenmaschine lässt er im Schrank, es geht auch ohne. Er rührt so lange, bis Butter und Zucker schaumig sind, dann gibt er drei Eier dazu, rührt weiter, siebt schließlich nach und nach das Mehl hinein, das sich als samtiger, feiner Berg über den feuchten Teig legt. Dann wäscht er die Äpfel und schält sie, versucht die Schale in einer langen Schlange abzulösen.
Das Haus ist stiller geworden, seit Peter krank ist. Nur noch selten läuft der Fernseher, kein Radio dudelt mehr nebenbei. Die Küchenmaschine staubt ein, er weiß gar nicht mehr, wozu er sie überhaupt gebraucht hat. Er genießt es, Zutaten mit seinen Händen zu bearbeiten, sich Zeit zu lassen.
Ein paar Spatzen zanken sich draußen auf dem Hof. Er hält inne, blickt zum Fenster. Das Sonnenlicht fällt in die Küche, ergießt sich über die Stühle und den Tisch, verfängt sich in einer Dahlie, die in einer Flasche steht, welche einen blau durchscheinenden Schatten auf die Tischplatte wirft. Er lehnt sich an die Kante des Küchenschrankes, Apfel und Schäler in den Händen. Ein perfekter Moment, einfach so. Weil er einen Apfelkuchen backt. Weil die Äpfel süß und aromatisch duften. Weil der Küchentisch wie ein Stillleben aussieht. Die Zeit ist bei ihm angekommen, rast nicht mehr.
Eigenartig, wie sehr die Zeit sich zu beschleunigen beginnt, wenn man älter wird. Als Jugendlicher hatte er das nicht gekannt. Ein Jahr schien endlos, ein Monat, selbst eine Woche, lang. Dann begann er zu arbeiten, wurde älter. Manchmal drehte er sich um, und war erstaunt, wie schnell die Zeit vergangen war. Dass schon Herbst war, die Bäume fast kahl, das Jahr bald zu Ende. Dass das Baby der Nachbarin schon lief, sprach, dann schon drei war. Dass der Urlaub wieder Geschichte war, eingeordnet in ein dickes Album. Dass Peter und er bereits vier Jahre zusammen waren, dann fünf.
Er dreht sich wieder zum Küchenschrank um, beugt sich vor, um Peter sehen zu können. Der schläft noch immer, sieht friedlich und entspannt aus, wie er es nur noch selten im Schlaf ist. Er betrachtet sein Gesicht, unberührt, losgelöst von der Zeit. Gesicht eines sonnigen Morgens, des Geliebten neben ihm, einer Stunde ebenso perfekten wie simplen Glücks.

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