Leseprobe Phillips Bilder

Sonnenlicht blitzt durch die Blätter des Birnbaumes. Ich blinzle und wühle mich aus dem Schlafsack, seine Außenseite fühlt sich feucht an. Die Luft ist ganz frisch, die Sonne wärmt schon. Irgendwo klopft ein Specht in schnellem Takt, ein Vogel zankt, dann ist es wieder still.
Im Baum hängt ein Windlicht aus Glas, in dem sich die Sonne verfangen hat und blinkt wie ein gefangener Kobold. Ich schiebe mich höher, schaue über den Rand der Hängematte. Das Gras leuchtet im Morgenlicht, schimmert feucht. Ich hatte vergessen, wie schön es ist. Wenn ich eine Kamera hätte, könnte ich das Licht auf dem Moos am Baumstamm festhalten, dieses grüngoldene Leuchten. Diese Korona aus Licht, die sich um einen vertrockneten Zweig gebildet hat. Die Sonnenflecken auf der Hängematte.
Gras raschelt, vielleicht Jurek, vielleicht ein Vogel. Das Geräusch kommt näher. Ich spähe in den Garten. Nahe am Bach steht ein Junge, von mir weggedreht. Ich sehe einen Schopf blonder Dreadlocks, er trägt Bermudas und ein Achselshirt. Er beugt sich hinunter, hebt etwas auf. Verknotet einen Teil seiner Haare am Hinterkopf und steckt eine Feder hinein. Dann dreht er sich herum, kommt mit geschmeidigen Bewegungen näher. Ich halte den Atem an. Er bewegt sich, als wäre er hier zu Hause, als pflege er nichts anderes zu tun, als an Sommermorgen durch Gärten zu wandeln.
Er bleibt stehen, streckt sich, zieht die Luft ein. Die Sonne bringt seine gebräunte Haut zum Schimmern. Er ist schlank und nicht sehr groß.
Er schaut sich um, erblickt mich, grinst. Dann kommt er näher. Ich genieße es ihn anzusehen. Ihm scheint es ganz recht zu sein, dass ich nichts sage.
»Schöner Morgen«, meint er schließlich.
»Ja.« Ich muss gähnen.
Er grinst wieder, lässt sich in den Liegestuhl fallen. Ich drehe mich auf die Seite, an den Rand der Hängematte, um ihn nicht aus dem Blick zu verlieren. Sein Shirt ist ein bisschen hochgerutscht, er krault sich am Bauch, gibt noch ein paar Zentimeter Haut mehr frei. Ein kleines Tattoo lugt hervor und eine Spur blonder Härchen verschwindet unter seinem Hosenbund.
Er blickt hoch. »Ich wollte zum Frühstück vorbeikommen. Noch gar nichts los?«
Ich schaue zum Haus. »Scheint so.«
»Zu Besuch hier?«
»Hm.«
»Machst du Frühstück?«
Ich muss lachen und befreie mich weiter aus meinem Schlafsack, strecke mich.
»Ich halts gut hier aus.«
Er legt die Arme über den Kopf, wirft mir von unten herauf einen Blick zu. Seine Augen scheinen grün zu sein, ich schaue ihn an, lange. Eine kleine Kugel steckt in seiner Unterlippe und er spielt mit seiner Zunge daran. Dann erhebt er sich, reckt sich, bringt seinen Körper zur Geltung.
»Ich geh mal gucken.« Er entfernt sich und geht hoch zum Haus, tritt durch die Hintertür. Ich gähne, räkle mich noch einmal. Dann stehe ich auf, gehe hinter den nächsten Baum und pinkle. Ein Buchfink sitzt auf einem Zweig und beobachtet mich. Ich schließe meine Hose wieder und gehe steifbeinig ein paar Schritte durch den Garten. Benjamin kommt mit einem Tablett aus dem Haus, stellt es auf den Tisch.
»Morgen. Gut geschlafen?«
»Fantastisch. Ist so ruhig hier.« Ich helfe ihm, den Tisch zu decken. Der morgendliche Gast kommt mit Kissen heraus, verteilt sie auf die Stühle.
»Das ist Seth“, stellt Benjamin ihn vor. »Wir sind zusammen zur Schule gegangen.«
»Aha.« Ein Schulfreund also. Wohl kein schwuler Schulfreund.
Seth grinst mich frech an. Er hat ein Grübchen im Mundwinkel, wenn er grinst, nur auf einer Seite. Er ist unverschämt.
Ich verteile das Besteck. »Bringt David noch mehr?«
»Klar.«
Jurek schleicht durchs Gras, hat wohl in einem seiner Verstecke auf den richtigen Zeitpunkt gewartet. Er springt auf einen Stuhl, macht es sich auf dem Kissen bequem. David bringt ein vollbeladenes Tablett, verteilt Schüsseln und Teller auf dem Tisch. Wir setzen uns, verscheuchen Jurek, und Benjamin gießt großzügig Kaffee ein. Ich stelle einen Fuß auf den Stuhl, will erst mal nur Kaffee.
»Seid ihr seit der Schulzeit befreundet?«, frage ich Benjamin.
»Nein, haben uns ewig nicht gesehen.«
»Bis zu diesem furchtbaren Klassentreffen«, wirft Seth ein.
»Kannst du glauben, wie spießig die alle geworden sind?« Benjamin schüttelt den Kopf.
»Jedenfalls hab ich alleine an diesem Tisch gehockt und mich furchtbar gelangweilt.«
»Bis ich kam und fragte, ob ich seine Dreadlocks anfassen darf.«
»Ja, ich fand, er ist ziemlich cool geworden.« Seth grinst.
Benjamin streicht über seine verfilzten Haare. »Da gleich abzuhauen war das Beste, was wir tun konnten.« Er wendet sich mir zu. »Du musst sie mal anfassen, sie sind ganz weich.«
Ich schüttle den Kopf, schneide ein Brötchen auf. David schiebt mir eine Schüssel hin. »Probier mal, Auberginencreme.«
Ich nehme mir davon. »Hm, lecker.«
Benjamin und Seth beginnen, über alte Schulkameraden zu reden. Ich lehne mich zurück, kaue an meinem Brötchen, sehe mich um. Das Morgenlicht übergießt die Schüsseln und Teller mit einem warmen Licht, glitzert auf dem Rand der Kaffeetasse. Die Sonne schimmert in Seths blonden Haaren.
Ich hole meine Kamera aus dem Rucksack, drücke auf Power. Sie zuckt nicht. »Mist, war ja runtergefallen!« Verzweifelt drücke ich an den Knöpfen herum, überprüfe alles. Nichts.
»Vielleicht ist nur der Akku leer«, schlägt Seth vor.
»Nein, die ist auf Beton gefallen. Scheiße.« Wie kann man nur so doof sein. Meine gute, teure Kamera.
»Kann man doch reparieren«, versucht mich Benjamin zu trösten.
»Mal sehen.« Digitalkameras sind, wenn überhaupt, teuer zu reparieren. Mein Vater, der früher jede Kamera wieder hinbekam, hätte keine Chance. Und zu ihm werde ich jetzt sowieso nicht gehen. Ich lasse die Kamera sinken, betrachte noch einmal die Szenerie auf dem Tisch und die Männer an ihm. Seit Wochen hatte ich nicht mehr so viel Lust, etwas zu fotografieren. Ziemlich pleite bin ich auch noch, ich kann nicht mal am Samstag losziehen und mir eine einfachere Kamera besorgen. Ich hänge völlig in der Luft. Langsam packe ich meine Kamera wieder weg.
»Ich weiß ja nicht, ob das was für dich ist, aber ich hab da noch von meinem Opa eine alte Kamera.«
»Kann ich die sehen?«
»Komm.« Benjamin führt mich ins Haus und die Treppe hinauf. Er öffnet eine verzierte Truhe, Staub tanzt vor uns im Sonnenlicht.
»Hier.« Die Fototasche ist aus echtem Leder, an den Rändern brüchig. Ich öffne sie, es ist eine Exa.
»Das ist eine ziemlich simple Kamera.«
»Oh, dachte, die ist gut.«
»Ist sie auch, die hat ein sehr gutes Objektiv.« Ich untersuche es, die Linse hat keine Kratzer. »Carl Zeiss, siehst du, so was wird heute gar nicht mehr hergestellt.« Ich höre mich schon an wie mein Vater. Ich wiege die Kamera in der Hand. Sie ist schwer und sieht gut aus.
»Ist auch egal, hab ja keine Filme.«
»Ich habe noch ein paar. Sind übrig geblieben, als wir uns die Digikamera gekauft haben.«
»Cool.« Ich wühle in der Kiste, finde ein Teleobjektiv und einen einfachen Belichtungsmesser.
»Darf ich?«
»Klar, eh’s nur rumliegt.«
Benjamin holt mir die Filme und ich öffne den Kameradeckel, fummle den Film hinein. Dann beeile ich mich, wieder an den Tisch zu kommen, denn schon in den letzten zehn Minuten kann sich das Licht geändert haben, das Motiv verschwunden sein.
Aber ich habe Glück, alles ist noch perfekt. Ich messe sorgfältig die Belichtung in einem dunklen Bereich, stelle Blende und Verschlusszeit entsprechend ein. Dann schaue ich durch den Sucher, drehe am Objektiv, bis das Motiv scharf ist. Ich genieße den Moment, genieße es, den stimmigsten Bildausschnitt zu wählen, genieße die Brillanz des Bildes, das durch Linsen und Spiegel einfällt. Dann löse ich aus. Ein schweres Klicken und ich muss aufpassen, die Kamera nicht zu verreißen. Schnell mache ich hintereinander mehrere Fotos, wähle andere Ausschnitte und Blickwinkel. Vergesse alles um mich herum. Ich schraube das Teleobjektiv auf und der Bajonettverschluss rastet mit einem Klicken ein. Ich mache Detailaufnahmen, wähle eine kleinere Blende, die geringe Schärfentiefe bringt Einzelheiten noch mehr zur Geltung, lässt den Hintergrund zu Flecken aus Licht und Schatten verschwimmen.
Schließlich erwache ich aus meinem Rausch, nehme den Tisch wieder als einfachen Frühstückstisch wahr, registriere Seths amüsierten Blick und Benjamins mildes Lächeln. Ich schaue auf die Kamera, sehe, dass ich achtzehn Bilder gemacht habe, stelle am Objektiv herum. Als ich zwölf war, gab mir mein Vater eine alte Werra. Sie war silbern und olivgrün. Er zeigte mir, wie man die Blende und die Entfernung einstellt, Filme einlegt. Die Kamera hatte eine Delle und einige Kratzer, aber sie funktionierte tadellos.
»Willst du noch was essen?«, fragt David.
»Oder noch ein paar Fotos?«, wirft Benjamin ein.
»Ist schon gut.« Ich lege die Kamera beiseite.
Seth sieht mich so direkt und intensiv an, als wären wir allein an diesem Tisch. Ich halte seinem Blick nicht lange stand. Er greift sich einen Apfel.
»So Jungs, ich muss noch zu Niko. Danke fürs Essen.« Er steht auf, küsst Benjamin auf den Mund, küsst David, geht um den Tisch. Er drückt kurz meine Schulter. »Tschüss.«
Ich sehe ihm nach, wie er durch das hohe Gras Richtung Bach geht, am Ufer entlang verschwindet.
»Der kommt wieder«, sagt Benjamin. Ich weiß nicht, ob er es zu mir sagt.

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